Der Masterplan von Dagur Sigurdsson
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Was ist eigentlich das Geheimnis des Sieges der deutschen Nationalmannschaft? Einerseits ist es die hohe Motivation, denn die Deutschen haben sich bereits von Anfang an auf die Fahne geschrieben, den Titel zu holen, andererseits ist es der niedrige Altersdurchschnitt der Nationalmannschaft, schließlich hat auch Dagur Sigurdsson einen wichtigen Beitrag für den Erfolg geleistet. Dagur Sigurdsson hat einen Masterplan entwickelt, auf Twitter hat er ihn veröffentlicht. Es handelt sich dabei um eine ziemlich zerknitterte DIN-A4-Seite aus kariertem Papier, auf die er in verschiedenen Farben Zahlen und Namen geschrieben hat. Der Sieg der deutschen Nationalmannschaft versetzt die Handball-Welt in Erstaunen, doch waren es die taktischen Anweisungen des Trainers, die er auf seinem Zettel hatte, mit denen die Mannschaft zum Erfolg gelangte. Keep it simple – halte es einfach, das war der Kommentar des Trainers zu seiner Veröffentlichung. Die deutsche Nationalmannschaft konnte vor allem durch eine hervorragende Abwehrleistung punkten und die Spanier mit einem 24:17 in die Knie zwingen.
Die deutsche Handball-Nationalmannschaft – ein Phönix steigt aus der Asche
Es ist schon wieder eine ganze Weile her, dass Deutschland Handball-Weltmeister wurde, es war im Jahre 2007, damals noch unter Trainer Heiner Brand. Damals traf Deutschland im Finale auf Polen. Danach war Deutschland ziemlich erfolglos:
- 9. Platz bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking
- keine Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 in London
- 11. Platz bei der Weltmeisterschaft 2011 in Schweden
- 10. Platz bei der Europameisterschaft 2010 in Österreich
- keine Qualifikation für die Europameisterschaft 2014 in Dänemark
Aufgrund dieser schlechten Ergebnisse und Niederlagen hat kaum jemand daran geglaubt, dass es Deutschland zum Europameister schaffen könnte. Deutschland hat sich nun als Europameister für die Olympischen Spiele in diesem Jahr in Brasilien qualifiziert – zuvor glaubten viele Handball-Kenner, dass die deutsche Handball-Nationalmannschaft in Rio nur Zuschauer sein wird. Nicht nur für Rio, sondern auch für die Weltmeisterschaft 2017 in Frankreich hat sich Deutschland als Europameister qualifiziert. Trainer Heiner Brand wurde im Juli 2011 von Martin Heuberger abgelöst, schließlich übernahm Dagur Sigurdsson im Juli 2014 das Ruder. Er übernahm die deutsche Nationalmannschaft als Trümmerhaufen, es fehlte der Mannschaft an taktischer Finesse und an Ruhe. Der 42-jährige Isländer hat der Mannschaft das gebracht, was ihr fehlte; er brachte Taktik und Ruhe in die Mannschaft. Dagur Sigurdsson ist für seine nüchternen, sachlichen Kommentare bekannt, er verzieht kaum eine Miene, wenn seine Mannschaft siegt. Er hat es geschafft, die Mannschaft zu prägen, er ist kein Mann der großen Töne, sondern ein kühler Analytiker. Selbst Spaniens Chefcoach Manuel Cadenas bemerkte, dass sich die Deutschen seit dem ersten EM-Spiel enorm verbessert haben. Schließlich unterlagen die Deutschen in der Gruppenphase noch gegen die Spanier.
Handball – ein vergessener Sport?
Als Deutschland im Jahre 2007 Handball-Weltmeister wurde, löste das große Freude aus, doch kam es nicht zu einem großen Handball-Boom. Nachdem die deutsche Nationalmannschaft einige Niederlagen und Misserfolge verzeichnen musste, rutschte das Interesse in den Keller, das mag auch daran liegen, dass die deutschen Nationalspieler bislang wenig bekannt waren. Mit
- Stefan Kretzschmar
- Henning Fritz
- Oliver Roggisch
- Pascal Hens
- Holger Glandorf
- hatte Deutschland vor ein paar Jahren noch bekannte und bedeutende Handball-Größen. Da diese Spieler inzwischen nicht mehr aktiv sind, mag das Interesse an Handball nachgelassen haben. Das kann sich jetzt ändern, denn mit Carsten Lichtlein, der bereits seit 2001 aktiv ist und beim VfL Gummersbach spielt, Rune Dahmke vom THW Kiel, dem 2,10 m großen Finn Lemke vom SC Magdeburg, Torhüter Andreas Wolff von der HSG Wetzlar und Kai Häfner vom TSV Hannover-Burgdorf hat die deutsche Nationalmannschaft nun wieder einige Spieler, die während der Europameisterschaft stark von sich reden gemacht haben und das Interesse auf sich lenken.
Schleswig-Holstein hofft auf Handball-Boom
Schleswig-Holstein ist ein Handball-Bundesland, denn der THW Kiel ist der beste deutsche Handballverein, und das schon seit Jahren. Kiel veranstaltete auch Public Viewing, denn in Kiel leben wahrscheinlich die meisten deutschen Handball-Fans. Gejubelt wurde nach dem Sieg der deutschen Nationalmannschaft allerdings überall in Deutschland – nicht nur in Kiel. Der Präsident des schleswig-holsteinischen Handballverbandes HVSV, Karl-Friedrich Schwark, glaubt nach dem Triumph in Polen an einen Handball-Boom. Schon 2007, als Deutschland Weltmeister wurde, konnten die Handball-Vereine in Kiel neue Mitglieder verzeichnen – eine ähnliche Entwicklung wird auch jetzt nach der Europameisterschaft erwartet. Die Mannschaftszahlen beim Handball sind nun schon seit Jahren rückläufig, trotz der großen Erfolge des THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt. Schuld daran sind einerseits die demografische Entwicklung, andererseits die Misserfolge der Nationalmannschaft in den letzten Jahren.
Frühere Fehler nicht wiederholen
Karl-Friedrich Schwark spricht davon, dass es jetzt wichtig ist, frühere Fehler nicht zu wiederholen. Nach dem Erfolg von 2007 hat sich die deutsche Handballwelt zu sehr auf ihren Erfolgen ausgeruht, das darf jetzt nicht mehr passieren. Lange hat die Handball-Gemeinde in Schleswig-Holstein auf einen Erfolg der deutschen Nationalmannschaft gewartet, einen großen Anteil an den Erfolgen hat Dagur Sigurdsson mit seiner guten Arbeit. Damit Handball wieder populärer wird, kommt es jetzt darauf an, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ZDF und ARD das Potenzial von Handball erkennen und wieder mehr Spiele übertragen. Die Weltmeisterschaft 2017 sollte nicht nur Sache der Pay-TV-Sender sein.
Traumquote beim Finale
Das Handball-Finale in Polen bescherte der ARD eine Traumquote, wie sie sonst nur bei wichtigen Fußballspielen erzielt wird. Durchschnittlich 12,98 Millionen Menschen verfolgten das Finale, der Marktanteil lag bei 42 Prozent. In den vergangenen drei Jahren hatte kein anderes Sportereignis höhere Werte erzielt. Beim Finale der Weltmeisterschaft 2007 waren die Einschaltquoten mit 16,17 Prozent und einem Marktanteil von 58,3 Prozent noch höher. Waren die deutschen Nationalspieler, als die EM am 15. Januar begann, noch Nobodys, so haben sie jetzt die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und wurden, als sie am letzten Montag in Berlin ankamen, wie Profis gefeiert. Zu Beginn der EM war Torhüter Andreas Wolff noch die Nummer zwei im Team, jetzt ist er der beste Torhüter Europas.
Hält der Handball-Hype an?
Der frühere deutsche Nationalspieler Stefan Kretzschmar spricht davon, dass der EM-Sieg in Polen die größte Sensation im Handball war. Er selbst erlebte das Spiel vor Ort und ist der Meinung, dass sich das deutsche Team zum Halbfinale noch einmal verbessert hat. Kretzschmar benennt
- Wunsch der Mannschaft nach dem Titel
- keine Angst und kein Druck im Spiel gegen die Spanier
- befreites Spiel der deutschen Nationalmannschaft
als Gründe für den Sieg. Auch der klare Plan von Dagur Sigurdsson ist ein Grund für den Sieg, denn die Spieler haben gewusst, wie sie zu verteidigen und anzugreifen hatten. Die Spanier hatten Angst vor Torhüter Wolff und wussten nicht mehr, was sie machen sollten. Zu hoffen bleibt nun, dass sich die deutsche Nationalmannschaft nicht auf ihren Lorbeeren ausruht und dass sie gut gestärkt in die Zukunft schaut, um auch bei den Olympischen Spielen in Rio und bei der Weltmeisterschaft 2017 in Frankreich Edelmetall zu holen. Ist das der Fall, könnte der Handball-Boom in Deutschland anhalten.
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